Menuhins Stradivaris

 

menuhin

 

Die Stradivari-Geigen von Yehudi Menuhin

Eines Tages erschien Yehudi Menuhin in der oberbayrischen Geigenbauschule. Nein, nicht plötzlich aus dem Nichts. Vielmehr war er lange angekündigt und nun war der große Tag gekommen. Der Name Menuhin war mir seit Monaten geläufig, denn von ihm sprach man in der Schule, man redete ja auch über die Brüder Oistrach und Jürgen Kussmaul ganz genau so wie unten im Flachland über große Filmstars. Mittenwald, das war halt Geigenwelt! Menuhin hatte schon in Schloss Elmau gespielt, diesem Bergkristall im Wettersteingebirge nicht weit von Mittenwald. Über Stock und Stein, durch Nacht, Schnee, Eis und Wind war ich natürlich auch dorthin gepilgert, um ihn zu hören – einfach deshalb, weil es für einen Geigenbauschüler selbstverständlich war und ich mir vor den Anderen mit meiner Unkenntnis von den Größen dieser Welt keine Blöße geben wollte.

Menuhin wollte uns Geigenbauschülern zwei seiner Stradivaris zeigen. So hatte er es Konrad Leonhard, dem Direktor, versprochen. Echte Stradivaris natürlich, keine Fälschungen oder Kopien! Und auch nicht nur Formschablonen von Stradivari Geigen.

Als Schablone kannte ich sie natürlich schon längst. Diese Umrisse aus Zinkblech waren so ziemlich das Erste was mir Meister Hornsteiner in die Hand gedrückt hatte. Natürlich auch die Schablonen von Amati- und Guarneri-Geigen. Für mich bis dahin nichts als in Blech gravierte Namen, und kleine Abweichungen in den Außenlinien, die den Unterschied ausmachen sollten. Und Maßtabellen! Jene gemeinen Freifahrscheine für pingelige Lehrmeister! Fotos der berühmten Instrumente hatte ich natürlich vorher auch schon gesehen. In den Fachbüchern oben in der Bibliothek. Aber das waren schlechte und langweilige Reproduktionen in körnigem Druck, womit in den Büchern dieser Zeit alle Geigen dieser Welt gleich aussahen: Ein Blick von vorn, einer von der Seite und einer von hinten. Grau in grau in zwei oder drei Abstufungen und in der Größe von Sonderbriefmarken. Wie sollte man sich da bitteschön ernsthaft begeistern können?

Jetzt aber packte Menuhin zwei Echte aus! Und wir durften sie sogar in die Hand nehmen, von allen Seiten genauestens betrachten, jede Schülerin und jeder Schüler konnte sich dazu alle Zeit der Welt nehmen, bevor sie weiter gereicht werden sollten. Menuhin stand etwas abseits, drängte nicht zur Eile. Im Gegenteil: Er war zufrieden mit unserem Interesse. Und die Presse war es auch: Sie fotografierte den Zufriedenen von allen Seiten samt seinen Sohn, den er auch noch mitgebracht hatte. Sein Abstecher nach Mittenwald schien sich für ihn gelohnt zu haben. Aber nicht wegen der Presseaufmerksamkeit, denn die war er ja bestimmt schon seit seiner Wunderkindzeit gewohnt. Nein, weil er vielleicht doch der Gutmensch war, über den man hier auch schon gesprochen hatte. Angeblich besaß er zwölf echte Stradivaris, die er Erfolg versprechendem Geigenspielernachwuchs zur Verfügung stellte – in seiner Londoner Musikschule, die er gegründet hatte, weil er mit dem herkömmlichen Geigenunterricht unzufrieden war.

Nur mir hatten kurz vor Menuhins Erscheinen hochnäsige Besucher der Geigenbauschule – sie kamen wie immer aus aller Welt, Besichtigungszeit war täglich zwischen elf und zwölf – einen lästigen Wurm ins Ohr gesetzt: „Aber so wie Stradivari kann man heute keine Geigen mehr bauen!“ war mir freundlich und fernöstlich lächelnd zugeflüstert worden. Ausgerechnet an dem einen Morgen, als ich wegen meiner dick verbundener Linken nur langsam und vorsichtig arbeiten konnte. Im Übereifer hatte ich mir Tags zuvor mit dem Stecheisen kräftig in die Hand gestochen. Die Blutspur vom Arbeitstisch zum Waschbecken war immer noch nicht ganz beseitigt. Mit so einem Satz im Ohr und immer noch schmerzender Wunde soll also ein Siebzehnjähriger ruhig geschlafen haben, wenn er gerade in der Euphorie des Anfangs zum neuen Lebensabschnitt steht? Diese ignoranten Globetrotter! Sollen sie doch zum Teufel trotten und weiterhin glauben, nur wegen ihrer dummen Herumtrotterei alles besser wissen zu müssen!

Mit trotzigem Blick sah ich also an diesem Morgen ‚die Echten‘ an. So gut wie Stradivari? Wieso ich eigentlich nicht? Diese alten Dinger des himmlischen Meisters waren genauso aus Holz gebaut, aus Bergahorn Boden Zargen und Hals, sowie Bergfichte die Decke. Und natürlich von Hand: Mit Säge, Stecheisen, Schnitzer – ganz genauso wie ich es gerade lernte. Und natürlich in aller denkbaren Sorgfalt, so brachten es uns die Meister ja bei. Wer schusselig arbeitete wurde gerügt wie es sich gehörte. Wahrscheinlich war es nicht anders damals, als Stradivari in der Werkstatt von Niccola Amati lernte. Was sollte also schief gehen?

Herr Leonhard wies uns auf Feinheiten hin. Das war auch gut so, denn in der Aufregung hätten wir (und ich in meinem Trotz!) bestimmt manches glatt übersehen.

Der Direktor hatte Erfolg, denn worauf er hinwies, das prägte sich ein. Seinem Zeigefinger und pingeligen Erklärungen von Feinheiten war später zuzuschreiben, dass die Nörgeleien der Meister nicht mehr deren oberbayerischer Eigenbrötelei angelastet wurden, sondern ihrer eingeborenen Kenntnis von guter Arbeit. Aus der Tiefe der Tradition Mittenwalds, die ja schließlich auch auf der Arbeit der alten Italiener fußte. Mathias Klotz hatte ja auch noch in Italien dazugelernt bevor er zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Mittenwald mit dem Geigenbau loslegte. Und Klotz hieß immerhin noch einer meiner Meister an der Geigenbauschule. Die Voraussetzungen waren also gegeben! Jetzt hieß es für den Schüler nur noch – ganz genauso wie damals: Schnitzer scharf halten und aufpassen, hören was der Meister sagt, Geduld in der Arbeit und die Maße einhalten! Woll‘n doch mal sehen, ob wirklich niemand mehr so wie Stradivari arbeiten kann! Wäre doch gelacht, wenn nach 250 Jahren Forschung und Weiterentwicklung in der Physik der Akustik nicht sogar auch Stradivari zu übertrumpfen ist!

Jugendlicher Übermut? Keine Ehrfurcht vor dem Alten? Vielleicht war es nur Ehrgeiz, der geweckt wurde! Jede neue Generation muss doch ein Anrecht auf Unbedarftheit haben, sonst wäre auch Stradivari niemals zu dem geworden, für den man ihn heute hält.