Geigenkauf mit 5 Sinnen

 

Eine dringende Bitte: Denken Sie beim bevorstehenden Geigenkauf (Cello, Bratsche, Kontrabass) nicht nur an das Hören! Bekanntlich verfügt der Mensch über weitere Sinne und nicht nur über einen. Die übrigen Sinne sind nämlich sicher bald beleidigt, wenn sie bei der Entscheidung für das Instrument nicht berücksichtigt wurden. Also: Geigenkauf mit allen fünf Sinnen!

Man könnte ja meinen, beim Instrumentenkauf käme es nur auf den dritten Sinn, das Hören, an. Aber nicht nur unsere traditionsgebundene Ausbildung, sondern auch die alltägliche Erfahrung mit den Kunden bestätigen uns, dass wenigstens drei weitere Sinne, nämlich Tasten, Sehen und Riechen in die Kaufentscheidung hinein reichen. Wollen wir aber unbedingt ‚Alle Fünfe gerade seinʻ lassen, biegen wir auch noch das Schmecken in Geschmack um und schon haben wir die berühmten Sinne so komplett, dass alles erklärt sein könnte, was in späterer Erkenntnis einmal für die stetig wachsende Liebesbeziehung zum Instrument ausschlaggebend gewesen sein könnte.

Wenn das nur mal reicht! Es kommen nämlich noch – ganz banal – die Kapazität des Geldbeutels hinzu sowie das Vertrauen in den Verkäufer und nicht zuletzt die Bedenken, ob sich die Investition für den vorgesehenen Nutzer auch lohnt. Aristoteles (griech. Philosoph geb. 384, gest. 322 v. Chr.), der Erfinder dieser sinnigen Theorie, hat es sich mit seiner Reduzierung auf nur fünf Sinne sehr einfach gemacht (in ‚De Animaʻ).

Aber auch so ist ein Geigenkauf ganz schön anspruchsvoll!

 
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Die fünf Sinne: Gemälde von Hans Makart (1872 – 1879): Tasten / Hören / Sehen / Riechen / Schmecken

 

I. Tasten

Wer spricht denn noch vom Tastsinn? Das ist doch nur etwas, das Blinde benötigen! Aber in der Stoff- oder Kleiderabteilung des Kaufhauses kommt dann plötzlich von hinten die Aufforderung: „Fühl doch mal!“ Nicht mal peinlich hier, denn der Tastsinn ist heute schon so vergessen und das Vergessen so allgemein akzeptiert, dass wir in der Öffentlichkeit gelassen hinnehmen, extra aufgefordert werden zu müssen, wenn es um Stoff- oder Kleiderwahl geht. Und jetzt kommtʻs: Lassen wir uns darauf ein, eine Sache zu ertasten, stellen sich unsere Augen unscharf oder schließen wir sie sogar. Ein ganz alter Reflex also, den es aber tief in uns doch noch gibt.

Und sonst? Ein fast schon vergessener Sinn in der Farb- und Bilderflut, die sich über uns ergießt, die doch so schön und bequem ist und uns erfasst und begeistern kann ohne je berühren zu müssen. Einzig die Augen muss man offen halten, mehr nicht. Jetzt stelle man sich mal vor: Von allen Bildschirmen und Displays weg, muss nun der arme Geigenschüler lernen, jeden Ton quasi blind zu ertasten. Und zwar exakt auf den Punkt! Wenn nicht, entsteht ein falschen Ton. Mühsam! Und nur, weil er bis dahin nicht lernte, sich auf seinen Tastsinn zu verlassen.

Die Quittung für diesen vernachlässigten Sinn haben auch die Lehrlinge im Geigenbau zu bezahlen, denn für sie ist es zunächst unfassbar(!), dass der Meister so viel Wert auf den exakten Saitenabstand zum Griffbrett, den Abstand der Saiten voneinander, die Halsstärke, Griffbrett- und Stegrundung und die Gestaltung des Halsgriffes legt. Die wahre Belohnung für die nachfolgenden Mühen erfolgt hier erst viel später: Wenn die Geige fertig ist, zwar auch gut klingt und nett aussieht, aber der Kunde sie gekauft hat, weil „sie gut in der Hand liegt“, bzw., „sich gut spielen lässt.“

Wir sind übrigens nicht die Einzigen auf der Welt, die sich um die Haptik kümmern. In der Automobilindustrie legt man gelegentlich ebenfalls allergrößten Wert darauf, wie gut sich das Lenkrad anfasst. Garnicht so dumm, diese Autokonstrukteure, denn nach dem bereits erwähnten Aristoteles solle ‚das feine Tasten den Menschen zum klügsten aller Lebewesenʻ machen.

 

II. Hören

Weil wir wissen, wie unterschiedlich die Hörgewohnheiten geprägt sind, verzichten wir bei der Beschreibung unserer Instrumente auf die Kategorie ‚Klangʻ. Natürlich haben wir eine Meinung vom Klang jedes einzelnen Instruments, welches in den Verkauf geht, doch wollen wir mit unserer Zurückhaltung dem Kunden die Chance geben, ebenfalls durch Vergleich mit anderen Instrumenten, das eigene Urteil zu fällen. Deshalb legen wir, wenn wir die in Frage kommende Preisgruppe in Erfahrung gebracht haben, ihm eine möglichst große Auswahl von Instrumenten zum Vergleich vor. (Abbildung: Volker Bley 1967: Das Ohr, Lindenholz, 8 x 13 cm)
Holzohr

Mit dem Ohr des Menschen hat es Seltsames auf sich. Ist es nicht so, dass uns nur das vertraut erscheint, was wir bereits kennen? Und ist es nicht so, dass was uns vertraut, wir aber auch als gut erfahren haben, gern wieder hören möchten? Jedes Instrument klingt aber anders! So, wie jede menschliche Stimme einen anderen Klang hat. Es bleibt uns und natürlich auch dem Kunden also nicht erspart, Neues zu hören und neue Sympathien zu entwickeln. Eine Banalität könnte man meinen und doch gibt es in der Welt des Geigenhandels unverdrossen das Bemühen, einen so genannten ‚guten Klangʻ als objektiv und unabänderlich, als wissenschaftlich überprüf- und wiederholbar in die Welt zu setzen. Als sei das Empfinden eines guten Klangs eine konstante Größe für alle Menschen aus allen Zeiten und Kulturen, immer gleich und somit die solide Grundlage für alle Forschung.

Ja, es ist wahr, unsere Hörorgane sind die exaktesten Messgeräte, die in unserem Kopf eingebaut sind. Der exakteste Sinn von den Fünfen. Auch der unmusikalischste Mensch (das heißt meist: Der sich selber so bezeichnet, nur weil er „nicht singen“ kann!) empfindet Dissonanzen auf der Stelle und fordert missgelaunt die sofortige Erlösung von der ‚Katzenmusikʻ. Und doch vertraut er seinen Ohren nicht, wenn er dem Kauf einer gut klingenden Geige für das Kind endlich die Zustimmung geben soll – sprich das Portemonnaie zücken soll.

Warum dieses Misstrauen? Hypothese: Weil unser zweiter Sinn (hören) zu dicht eingebettet und auch noch ausgerechnet mitten zwischen Sinnen liegt, die uns nur all zu oft getäuscht haben. (Mehr zum Hörsinn weiter unten.)

 

III. Sehen

Die Bilderflut, die wir nur deshalb gern über uns ergehen lassen weil wir bereit sind, die allzu leichte optische Täuschung zu Gunsten einer schönen, spannenden oder erholsamen Geschichte Inkauf zu nehmen. Nur weil es so verführerisch leicht ist, liegen wir auf dem Sofa und wähnen uns in den Weiten der Tundra. Allein der Optik wegen ergeben wir uns genüsslich. Sind unsere schönen und erholsamen Träume im Schlaf auch so einfach gestrickt? Dabei ist doch eine viel zitierte Lebensweisheit den ‚Augen nicht zu trauenʻ. Wahrscheinlich ist der Spruch doch noch zu wenig zitiert! Wie sonst wäre es so schnell zum ‚optischen Zeitalterʻ gekommen. Spätere Generationen werden uns einmal fassungslos die im 21. Jahrhundert immer noch vorherrschende Primitivität vorwerfen.

Ach übrigens, der schmachtende Blick der Liebe kann ja sehr verräterisch sein! Das haben auch wir entdeckt. Bei dem Versuch alle unsere Werkstattgeheimnisse offen zu legen, kommen wir jetzt nicht umhin auch über den guten alten Ladentisch zu reden. Der hat nämlich den Vorteil – und das ahnen vermutlich die wenigsten Menschen – dass der gut beobachtende Verkäufer von seiner Warte aus den ‚schmachtenden Blickʻ des Kindes zu allererst entdeckt. Noch vor Mutter, Vater, dem begleitenden Geigenlehrer (der sich schon von Amtswegen allein darum bemüht, alle Aufmerksamkeit auf das Hören zu lenken) und natürlich auch weit vor den anderen Verwandten, die wegen eventuell notwendiger Finanzierungsbeihilfen gerne oder gar zwangsläufig mitgekommen sind.

 

IV. Riechen

Erfolgreiche Detektive folgen ihrer Nase. Spürsinn macht in diesem Fach sogar Hunde noch erfolgreicher als Menschen. Unsere Nase erreicht zwar nur zehn Prozent der Hundeleistung, dennoch sollten auch wir dem Urteil des Geruchssinns mehr vertrauen, zumal sich ein Streichinstrument Stunde um Stunde der geforderten Übezeit nur wenige Zentimeter vor dem Einzugsbereich der Nase befindet. Kurz und knapp gesagt: Es sollte auch angenehm riechen. Noch knapper: Nicht stinken! (Nur nebenbei: Ausgerechnet in diesem Sinne besitzt Holz offenbar ein Langzeitgedächtnis!)

Forschungsergebnisse der Wissenschaft liefern jetzt den Beleg: Über Liebe, Zuneigung und Ablehnung entscheidet allein die Nase. Parfumeure und Autohersteller versuchen sich schon länger danach zu richten. Wir natürlich auch, indem wir gut riechende Harze der Politur beimischen – könnte man meinen. Aber das riecht natürlich derjenige nicht, der nur aus gewisser Distanz die Entscheidung zum Geigenkauf beobachtet und das Ergebnis kopfschüttelnd, weil zweifelnd, akzeptieren muss.

Dabei hat unser Geruchssinn eine ganz besondere Qualität: Er ist unmittelbar im Langzeitgedächtnis eingebettet. So bringt er Erfahrungen in Erinnerung, die längst vergessen zu sein scheinen. In der Psychologie ein wichtiger Schlüssel zu den Türen unserer Vergangenheit. Mit der Beziehung auf die Vergangenheit haben wir es insofern immerfort zu tun, als es sich bei dem Streichinstrument um einen Gebrauchsgegenstand handelt, der sich in der langen Zeit seiner Existenz in allen Einzelheiten einschließlich Lack und Geruch des Lacks schlicht und einfach bewährt hat (und mal endlich zum kulturellen Welterbe der Menschheit gezählt werden sollte!). Die wohlriechenden Harze im Lack mischen wir aber nicht bei, um die Kaufentscheidung zu beschleunigen, sondern weil sie im drei- bis vierhundert jahrelangem Test ihre Haltbarkeit bewiesen haben und bis heute noch kein Weg daran vorbei geht. Wenn sie zusätzlich gut riechen sagen wir: Ist auch o.k.! Wenn es aber auch heute noch zum Kaufentscheid beiträgt, beweist es nur, wie sehr man sich auf den Geruchsinn im Langzeitgedächtnis der Menschheit verlassen kann.

Wie sagte noch der Detektiv? Letzter Satz im Tatort am letzten Sonntag: „Auf meine Nase konnte ich mich schon immer verlassen!“

 

V. Schmecken

‚Über Geschmack sollte man nicht streiten!ʻ so heißt es. Und so wäre es sicherlich immer noch klug! Doch ist es nicht an der Zeit, endlich mal wieder auf die Straße zu gehen und den Mund auf zu machen? Zu viele Geschmacksverirrungen, die uns durchaus auch teuer zu stehen kamen, sind in der Zeit dieses Tabus entstanden. Man denke nur an Bausünden der fünfziger Jahre. Oder an die Zeit des Gelsenkirchener Barock, Möbel, die spätestens nach der Klärung der letzten Erbstreitigkeit im Sperrmüll auf der Straße gelandet sind. Oder an Flohmärkte, wo heute aus den Kellern Geräumtes billig erworben werden kann, was einmal gar nicht billig und – vorsichtig formuliert – immer schon eine ästhetische Entgleisung war und immer schon zum Magen umdrehen! Womit wir sogar schnell wieder bei manchen Geigen an diesen Orten sein könnten.

Um aber dem Streit über Geschmack aus dem Weg zu gehen, denn schlechter Geschmack scheint so tief in der Seele verwurzelt zu sein, dass Streitigkeiten darüber kaum beizulegen sind, schnell eine weitere Forderung an unsere Schulen und Kindergärten: Sorgt euch doch bitte noch mehr auch um frühzeitige Geschmacksbildung! Sinn für Ästhetik gehört doch auch zum Menschsein! Mindestens seit den Höhlenmalereien von vor dreißigtausend Jahren. Vielleicht reicht es ja auch schon, den Kunstunterricht in der Schule ernster zu nehmen und nicht unter ‚ferner liefenʻ zu verachten. Bei dem Preisverfall, der auf Flohmärkten augenscheinlich ist, macht das sogar ökonomisch/volkswirtschaftlich einen, Sinn der sich – auch in Euro gerechnet – auszahlt.

 

 

Zurück zum Hörsinn (II), der zugegebenermaßen beim Instrumentenkauf meist von größerem Interesse ist: Anne Sophie Mutter spielt eine Stradivari-Geige, deren Klang als warm und weich empfunden wird. Aber wie viel Wärme und Weichheit ist allein dem Bogenansatz und – Strich der Mutter zu verdanken? Es ist wahr, ihre Geige erglüht oder erblüht unter ihrem Bogenstrich und auch das das zarteste Pianissimo ist noch bis in die hinterste Stuhlreihe zu hören. Aber das war nun mal im Konzerthaus Dortmund (Aufgang B, oberste Empore, Sitz 24). Und das Konzerthaus in Dortmund hat sich nun mal mit seiner hervorragenden Akustik international einen Namen gemacht.

Und welchen Klang haben wir als warm, angenehm und gut erfahren? Die Stimme der Mutter, des Vaters, des Bruders? Gar die Stimme des Geigenlehrers, die Stimme seines Instruments, seiner Geige, die wir einmal spielen durften? Was hat unsere Erfahrung geprägt? Oder sollte es eine alte Schallplattenaufnahme von David Oistrach gewesen sein, eine CD-Einspielung mit David Garrett oder Nigel Kennedy auf You-Tube? Es ist die ‚Klangfarbeʻ, die uns eine Stimme als Besonderheit – angenehm oder unangenehm– empfinden lässt!

Der Organist hat es einfach: Wenn es ihm um die Einstellung der Klangfarbe geht, hat er ein bestimmtes Register zu ziehen. Er kann damit von den Holz- auf die Zinnpfeifen wechseln oder noch ein Zungenregister hinzu mischen. Wenn er mit vorgemischten Klängen musizieren will, zieht er einfach den Knopf, auf dem ‚Mixtur Iʻ oder ‚- IIʻ oder ‚IIIʻ steht. Und plötzlich ist die zentrale Melodie trotz aller Umspielungen und Verwicklungen der Komposition deutlich vernehmbar. Und das alles ohne damit unbedingt lauter werden zu müssen.

Das Streichinstrument hat keine Registerknöpfe die man ziehen könnte. Ihre eigentümliche, wahrnehmbare oder auch angenehme ‚Mixturʻ muss von Anfang an eingebaut sein. Die Hausaufgabe des Geigenbauers! Nicht an der Lautstärke, sondern an dieser besonderen Mixtur erkennen wir auch im Sitz 24 auf der hintersten Empore die einsame Stimme von Anne Sophie Mutters Stradivari. Durch alles Gewoge der übrigen Streicher hindurch. Klar und deutlich!

Dies auch zum Thema Lautstärke des Instruments, der Fachmann sagt ‚Tragfähigkeitʻ: Selbstverständlich muss die Geige die Umwandlung der Streichenergie in Lautstärke ohne viel Verlust leisten können. Die einfachste Forderung: Die Geige solle gut hörbar sein – in jeder Ecke des Raumes, bzw. Konzertsaales. Aber welchen Raum bieten wir dann an, um das zu überprüfen? Unsere Verkaufsräume mit eine Deckenhöhe von 3,50 m und den herumstehenden Instrumenten, die ja alle immer mitschwingen und die Resonanz verstärken könnten? Oder etwa das neue Konzerthaus Dortmunds, welches wegen seiner guten Resonanzeigenschaften bereits internationale Anerkennung fand? Der berühmte Cellist Pablo Casals soll mal gesagt haben: „Die Lautstärke des Instruments – das macht der Raum!“

Man könnte auch meinen, eine Geige solle nichts anderes als einen reinen und klaren Ton von sich geben: den Ton, den man sich wünscht – ohne alle Fisimatenten. Tonhöhe ist ja auch objektiv messbar und alle Unreinheiten und unerwünschten Nebentöne wären dann ja auf dem Bildschirm des Oszillographen unzweifelhaft und deutlich sichtbar zu machen. Allerdings: Wer sich darauf einlässt, verlässt sein Menschsein und gerät in die Hölle der sogenannten Vernunft, Abteilung Physik. Tatsächlich gibt es solche Instrumente, die sich Musikinstrumente nennen. Etwa solche, die den Klang auf elektronische Weise erzeugen – immer wieder neu sind diese Instrumente und immer wieder nach kurzer Zeit der Euphorie im Abstellraum gelandet. Oder gar die ganz billigen Geigen vom Wühltisch bei Norma (60,00 € incl. Kasten & Bogen), die tatsächlich den ‚dünnenʻ, aber oszillographisch nachgewiesenermaßen, (fast) reinen Klang hervorbringen?

Also doch lieber die ‚Mixturʻ von beigemischten Ober- und Untertönen. Die dann aber etwas teurer ist.

Um das mit ‚Hölle der Vernunft, Abt. Physikʻ etwas abzuschwächen (Leise Kritik an René Descartes Satz: ‚Ich denke, also bin ichʻ, der sich inzwischen vielleicht zu ‚Ich fühle nur das, was ich auch denken kannʻ ausgewachsen hat): Inzwischen haben auch Sympathie- Schwingungen und die spezielle Mixtur der Geige durchaus das wissenschaftliche Interesse ernsthafter Forscher geweckt und sogar schon zu beweisbaren Ergebnissen geführt.

Aber dennoch ist es zum Verzweifeln: Weil der Mensch kein Krokodil oder Nilpferd ist, also leider mit Ohren ausgestattet ist, die er nicht abschalten kann, hat er längst gelernt, das zu überhören, was er nicht hören will. Unbewusst natürlich! Evolution machtʻs möglich! Ausgleich eines Mangels, was denn sonst! Jedes Kind, das ‚wieder mal nicht hörtʻ, kann das ganz locker! Noch schlimmer: Weil die knallharten und eindeutigen Urteile unseres Hörorgans unmittelbar im Wühltisch eines ewig unaufgeräumten und zweifellos immer noch heillos verschlungenen Gehirns landen und dann zwangsläufig mit den Urteilen der Augen, des Geruchs-, Geschmacks- und Tastsinns vermischt werden – wer soll denn da noch ein objektives Gesamturteil fällen?

Wenn dann noch Geschichten hinzu kommen, von denen man mal gehört oder gelesen hat, ist das Chaos komplett.

bullZum Beispiel die Geschichte von dem im 19. Jahrhundert berühmten norwegischen Geiger Ole Bull, der an geeigneter Stelle mitten im Satz den Bogen noch sekundenlang „dicht über den Saiten schwebend gehalten hat, um das Publikum, welches in atemloser Stille dem letzten Verklingen seines immer schwächer werdenden Tones lauschte, glauben zu machen, es dauerte derselbe in unerhörtem ppp noch fort“ (ppp = piano pianissimo bzw., leise, leiser, noch noch leiser). Louis Spohr schrieb das in seiner Selbstbiographie (Kassel 1860/61, Bd. II, S. 229). Ist doch klar Herr Spohr, das Auge sollte helfen, dem Gehirn den längst nicht mehr vorhandenen, besten Willens auch nicht mehr physikalisch messbaren Ton hinzu zufügen!

Nein, den Klang einer Geige muss man schlicht und einfach lieben. Und wie das mit der Liebe so ist – entweder auf den ersten Blick (hier ist jetzt das Ohr gemeint) oder lieben lernen und dazu braucht es manchmal auch etwas Zeit. Die Zeit allein schon deshalb, weil wir uns mit dem Bogenstrich, Ansatz und Bogendruck, erstmal auf das Instrument einstellen müssen.

Auch über Geschmack sollte man letztlich immer noch nicht streiten! Das haben uns Kunden aus aller Welt bereits gelehrt, indem sie kauften, was uns selbst erst mal garnicht so gut gefallen hatte, wir aber hinterher irgendwann begreifen mussten, dass für die Kaufentscheidung ganz offensichtlich die Hörgewohnheit des Kunden zugrunde lag. Man kann sich ja auch reinhören in die Hörgewohnheiten der Völker! You-Tube machtʻs möglich! Auch in dem begrenzten Umfang der digitalisierten Übertragung, die uns die derzeit noch unterentwickelte Technik – ganz schlicht gesagt – noch aufzwingt.

Aber ein paar Kriterien bleiben uns doch! Zum Beispiel: Hält die Geige auf Dauer das, was sich der Kunde von ihr erhofft? Ist sie also solide gebaut und sind alle Reparaturen nach allen gültigen Maßstäben erfolgt?
Dafür sind wir zuständig! Wir stehen dafür ein mit unserer Erfahrung, unserer Ausbildung und dem altüberlieferten Wissen in der Geigenbau-, Restaurierungs- und Reparaturtradition. Deshalb gehen Sie ja zur Fachwerkstatt, die dann auch im Fall des Falles zu Grantieleistungen verpflichtet ist.

Ganz zum Schluss: Sollte doch Aristoteles bei der Aufzählung der Sinne die Neugierde ganz vergessen haben? Wie sollen wir denn ohne jeden Sinn für Neugierde uns jemals die Welt erschließen können! Die Welt der Streichinstrumente zum Beispiel. Wenn das so ist, machen wir mit unserer ‚Gläsernen Werkstattʻ den Anfang: Nehmen Sie uns beim Wort und gehen Sie in die Werkstatt, lassen sich alles zeigen und alles erklären!