Werkstattgeschichte

Die Geschichte dieser Werkstatt zu erzählen funktioniert nicht, ohne auch ein Stück der Lebensgeschichte ihres Gründers wenigstens zu erwähnen.

Es hätte alles so gradlinig verlaufen können, denn es gab eine solide Grundausbildung an der Mittenwalder Fachschule und die erforderlichen Gesellenjahre in den Werkstätten namhafter Meister. Fehlte nur noch die Meisterprüfung und eine eigene Werkstatt hätte gegründet werden können. Etwas kam dazwischen und veranlasste Volker Bley, zwölf Jahre lang die grüne Schürze an den Nagel zu hängen und nach anderen Berufen zu suchen.

Das geschah am 8. Juni 1968 um elf Uhr einunddreißig. Monate zuvor war ein krimineller Ring namhafter Altgeigenhändler aufgeflogen und Tage zuvor war in der Werkstatt seines Stuttgarter Meisters ein berühmter Cellist erschienen: Er hatte seinen Cellokoffer geöffnet, um ihm das Instrument für eine Reparatur zu entnehmen. An der Innenseite des Kofferdeckels entdeckte der Geigenbauergeselle ein Foto, auf dem zu erkennen war, wie der berühmte Cellist als junger Mann vor Adolf Hitler spielte. Das geschah in jenen Tagen, als nur wenige Straßen unterhalb der Werkstatt mit Hans Filbinger ein ehemaliger Marinerichter Adolf Hitlers das Land regierte und in Bonn das ehemalige NSDAP-Mitglied Kurt Georg Kiesinger Bundeskanzler war. Opposition gegen das alte Gedankengut und gegen die neuen Pläne für Notstandsgesetze bewegte sich auf den Straßen. Laut und unüberhörbar drang es durch die Fenster der sonst so stillen Werkstatt.

In den Häusern der immer noch herrschenden alten Familien bewegte sich jedoch nichts, nicht mal in den Köpfen. Von dort kam aber unsere Kundschaft wie schon vor hundert Jahren. Wie sie über diese neue Oppositionsbewegung dachte war in den leisen Gesprächen neben der Arbeit ebenfalls deutlich hörbar. „Das also soll auch mal meine Kundschaft werden? Für die will ich arbeiten? Von deren Geld will ich leben?“, fragte sich der junge Mann. Allergische Reaktionen gegen den Staub von Ebenholz – täglich verwendetes Material in der Werkstatt – bestärkten den Entschluss, die Schürze an den Nagel zu hängen. Dann lieber raus auf die Straße und LKW fahren, um Geld zu verdienen und Trommeln bauen. „Das Land braucht erst mal Trommeln und nicht Geigen!“ Zwei Jahre Zeitungsausfahrt auf den Straßen des nächtlichen Schwarzwaldes und zweieinhalbtausend Trommeln tagsüber bauen und an Wochenenden unter  die Menschheit bringen, gewerkschaftliche Jugend- und Erwachsenenbildungsarbeit in Stuttgart, Kassel und an der Universität Marburg und freie Theaterarbeit (B. Brecht: ,,Furcht und Elend des dritten Reiches“), die Gründung des Kulturzentrums Schlachthof in Kassel und schließlich vier Jahre Kinder- und Jugendtheater in Dortmund schlossen sich an.
Als dann eine Frau gefunden war, die den Rücken in den schwierigen Jahren der Unternehmensgründung stärken würde, die Allergie gegen Ebenholzstaub sich verkrümelt hatte und der Sohn Jonathan geboren war, konnte es in den alten Beruf zurück gehen. Die Geigenbauwerkstatt wurde gegründet und die Meisterprüfung absolviert. In dieser jungen Werkstatt sollte nun nicht mehr in aller Abgeschiedenheit gearbeitet werden, wie es bis dahin immer üblich war. Nicht nur Insider, die wissen wo der Klingelknopf des Geigenbauers im dritten Stock eines Mietshauses zu finden ist, sondern eine neue Kundschaft sollte umworben werden. Kinder müssten bei der Arbeit zusehen können, für das Geigenspiel müsste geworben werden – das könnte dann zur neuen Existenzgrundlage werden. Deshalb die Eröffnung einer „gläsernen Werkstatt“ (Westfälische Rundschau) im Herzen Dortmunds, deshalb kein Kuhhandel mit altitalienischen Wertobjekten, deshalb auch die Tage der offenen Tür, Werkstattkonzerte und Ausstellungen, Führungen für Kindergärten und Grundschulklassen und das Engagement in der Schulmusik.

Das Konzept hat sich bewährt. Manche der ersten kleinen Kunden sind inzwischen Instrumentallehrer geworden und schicken ihre Schüler von weit her zu dieser Werkstatt,  in der damals ihr Herz für das Instrument geöffnet worden war.  Und alte, gut klingende Geigen, von denen wir überzeugt sind, dass sie ihr Geld wert sind, führen wir inzwischen auch – aber ohne Schmiergelder bzw. „Vermittlungsprovision“ hinter dem Rücken der Kundschaft.